Hochemotionale Buchhalter und ihre Zahlen

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Sind Zahlen emotional? Ist Buchhaltung eine trockene Geschichte, oder vielleicht sogar eine ganz nahe am Leben stehende Kunst? In unserer Welt hängt viel von den Zahlen ab, besonders unsere Entscheidungen. Sie gelten als unbarmherzig und objektiv, und genau diesen Ruf haben auch Buchhalterinnen und Buchhalter. Aber stimmt das so?

Meine Mutter war gelernte Buchhalterin. Sie hat auch die Familien-Einkäufe fein säuberlich aufgeschrieben und wie jeder ordentliche Buchhalter geschaut, ob der Inhalt ihres aufgeräumten Portemonaies mit dem Saldo ihrer Buchhaltung übereinstimmte. Dafür brauchte sie weder einen Taschenrechner, noch Vordrucke. Sie war Königin der Offline-Buchhaltung.

Ich habe das immer sehr bewundert, zumal ich immer den Eindruck hatte, von ihren Genen nicht so viel mitbekommen zu haben.

Ich bin ein tendenziell ungeduldiger Mensch. Die Beschäftigung mit solchen Details? … einfach nicht meins, so dachte ich immer, solange ich mich ausschließlich auf die Schätzungen verließ, und prompt Probleme mit der steuerlichen Abrechnung bekam.

Die emotionale Reaktion

Na klar. In diesen Momenten holt man eher saure Emotionen aus dem Gepäck, Emotionen die ausgesprochen gereizt jetzt die Energie zur Korrektur der Situation liefern sollen, die man vor sinnvoll mit weniger Aufwand in die Aufmerksamkeit gesteckt hätte.

Und solange die Buchhaltung sich nur auf ganz einfache Zahlen bezieht, deren Relevanz in der Vergangenheit liegt, solange es nur um den Familienetat geht oder um die Ein- und Ausgaben als Selbständiger, solange bleibt das Thema überschaubar, mit ein wenig Aufmerksamkeit gut zu erledigen.

Aber wie sieht das in einem Unternehmen aus? Sind Buchhalter und Controller die unemotionalsten Typen im Unternehmen? Manche Menschen sagen es ihnen nach, mein Erlebnis ist anders.

Lösen Zahlen Emotionen aus?

Beispielsweise lösen gute oder schlechte Quartalsergebnisse Emotionen aus. Sie sind ein Abbild der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens. Sie beantworten die Frage der Unternehmensgesundheit. Ein Baum der nicht wächst stirbt. Wenn es dem Unternehmen nicht gut geht, müssen korrigierende Entscheidungen getroffen werden. Die haben Auswirkungen auf die die Arbeit und Arbeitsplätze von Mitarbeitern. Sooft jemand persönlich betroffenen ist, hat er viel mit der Auswirkung von Zahlen zu tun und die Veränderungen lösen teils Emotionen aus. Das Wohl und Wehe von Kontoständen bewegt viel am Glück der Menschen, deshalb verdienen Zahlen eine fast liebevolle Aufmerksamkeit.

Und schon bekommt der Buchhalter eine hohe Relevanz. Immerhin, wenn seine Zahlen nicht stimmen, stimmen auch die Entscheidungen nicht. Allerdings – Zahlen allein schaffen keine Entscheidungen, denn Zahlen müssen interpretiert werden, gewichtet, wir müssen ihnen eine Bedeutung geben um dann Entscheidungsgrundlagen zu bearbeiten.

Und wenn es einer Abteilung schließlich nicht gut geht, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, wenn die Kosten höher sind als der Ertrag, wer beurteilt dann, ob das eine vorübergehende Schwäche ist, ob die Abteilung einfach nicht effizient genug arbeitet, ob sich das Geschäftsfeld verändert? Eins ist sicher, sich um die Verantwortung von Entscheidungen herumzudrücken ist immer die falsche Option.

Verantwortung und Emotionen

Menschen sind doch viel unterschiedlicher als wir gemeinhin annehmen. Trotzdem gehen viele Menschen intuitiv davon aus, dass die Anderen prinzipiell genauso ticken wie sie selbst, auch wenn sie täglich das Gegenteil erleben. Übrigens, unser Weltbild ist maschinistisch geprägt. Das heißt, wenn jemand anders reagiert als geplant, dann tun wir so, als wären wir alle solche Buchhalter die einfach 1+1 zusammenrechnen. Wir schlagen unserem Nachbarn oder Kollegen einfach ein anderes Verhalten, und dann sollte das doch klappen oder?

Unter dem Strich – klappt das? Weder ist der Umgang mit Zahlen eine reine Frage des Rechnens, noch der Mensch in der Lage, sich einfach auf Grund eines rational sinnvollen Vorschlages zu verändern. Wenn das so einfach wäre, hätten wir bereits heute die meisten Probleme im Zusammenleben und der Zusammenarbeit gelöst. Statt dessen scheinen die Dinge immer komplexer zu werden.

Und dann auch noch die Digitalisierung!

Natürlich können wie uns ausrechnen, wie viele Arbeitsplätze wegfallen werden. Überdies werden top ausgebildete Techniker und “Systembeherrscher” sicherlich noch mehr Arbeit bekommen, als sie ohnehin schon haben. Was für Emotionen wird das auslösen?

Wie werden wir damit umgehen. Wie viele Menschen fühlen sich wirklich qualifiziert den Betroffenen eine neue Perspektive anzubieten? Diese Aufgabe wird eine hohe emotionale Qualifikation verlangen.

Pythagoras sah in den Zahlen die Welt

Wir drohen heute in unseren Zahlen zu ersticken. Wir haben die Tendenz, ihnen dir Führung zu überlassen. Pythagoras kennen die Meisten von uns wahrscheinlich aus dem Mathematikunterricht. Allerdings, vor allem war Pythagoras Philosoph. Wenn wir mit den Augen von Pythagoras schauen würden, dann würden wir aus den Zahlen etwas über uns lernen. Insbesondere dann, wenn wir unsere Emotionen nutzen, um sie zu lenken, um ihnen den Sinn zu geben, den sie verdienen.

Stefan Sohst – Speaker, Trainer, Wissenschaftler

Ich wünsche Ihnen einen emotionalen Tag.

Stefan Sohst

 

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