Die Unklarheit der Toleranz

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Der Begriff ist ein fast ein heiliges Wort unserer humanistisch geprägten Gesellschaft, sie wird angemahnt, beschworen, sie war Gegenentwurf der Religiosität , wurde von der UNESCO neu definiert und dennoch scheint diese Idee des friedvollen Miteinanders mehr und mehr in den Wirren unserer Zeit unterzugehen. Wir bauen Mahnmale und sind heute in der Vielfalt der Kulturen und kulturellen Entwicklungen mehr herausgefordert denn je. Brauchen wir Toleranz?

Was ist Toleranz?

Das Wort ist aus dem lateinischen abgeleitet und bedeutet so viel wie dulden.

Toleranz, auch Duldsamkeit,[1] ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen anderer oder fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.

Es geht also um eine Art Nichtangriffspackt. Dulden heißt nicht wertschätzen, aber eben auch nicht sich “dagegen” zu erheben. Eine Aussage könnte sein: “find’ ich nicht gut, is’ aber ok solange er/sie mich nicht nervt”.

Warum ist das Phänomen Toleranz emotional interessant?

Es gibt keine Toleranz ohne Werte. Die Überwachung der Werte übernimmt die Emotion, die für die Verteidigung zuständig ist (siehe auch der letzte Beitrag “Schluss mit der Zickerei”). Nur wo Werte eingehalten werden, kann man über einen Toleranzbereich sprechen. Werte scheinen unserem Zusammenleben eine Art Grundregel zu geben. Menschen müssen sich nicht identisch verhalten, aber es sollte schon klar sein, dass ein “mich anrempeln” in der U-Bahn nicht tolerabel ist, ein versehentliches touchieren aber durchaus ok.

Der “Werte-Konsens” ist das, was uns unserer Überzeugung nach zu einer funktionierenden Gesellschaft macht, die Vorzüge der Kooperation beschert und uns in vieler Hinsicht Wohlstand beschieden hat. Gleichzeitig gab es immer schon Menschen, die sich in diesen Konzens nicht einreihen wollten oder konnten. Für diese Fälle haben wir Gesetze und Überwachungsorgane ihre Einhaltung geschaffen, ein, wie es scheint, ganz brauchbares Konzept. Wären da nicht ein paar Herausforderungen, die uns nachhaltig zu schaffen machen.

Toleranz führt nicht zu gemeinsamer Begeisterung

Menschen, die die Verteidigungsemotion nicht nur nutzen, um sich selbst ihres Wertesettings in einer Situation bewusst zu werden, sondern damit auch aktiv gegen andere vorgehen, machen sich nicht gerade beliebt. Sie gelten als Spaßbremsen, Schlechte-Laune-Verbreiter oder sogar als verhärmt und uncool. Im internen Einsatz sorgt die Emotion für einen Impuls: Hier ist etwas verkehrt! Dieser Impuls ist gut und sinnvoll.
Im externen Einsatz sorgt sie allerdings für Ablehnung, Anmeckern, Vorwürfe machen und Abstrafen. Dieses gesellschaftlich in vielen Situationen anerkannte Verhalten, hat bisher noch niemals zur Konfliktlösung geholfen. Häufig hilft es nicht einmal, das Problem im Umfeld bewusst zu machen.

 

Wer meckert hat möglicherweise recht, wer nicht meckert ist tolerant

Die Dinge verändern braucht beherztes Handeln, und Toleranz ist  lediglich ein Verzicht auf Aggression. Aber was wäre denn die erfolgreiche Variante? Schließlich ist der Anlass meist zu ernst als dass man meint, man solle einfach “Nichts” tun.

Hier sind sich alle Weisen der Erde einig. Wer das Feindliche, also das feindliche verhalten, das ungebührliche Auftreten, die verletzende Aktion, annimmt, und den Kontrahent in die Auseinandersetzung bringt, ist mit einer klaren, freundlichen Zuwendung viel eher erfolgreich als der, der in den Kampf-gegen-das-Böse zieht.

Derjenige ist klar im Vorteil, der seine Verteidigungsemotion gezielt für sich nutzt, statt sie in das soziale Debakel zu schicken.

Menschen die sich dieses Leitsatzes bedienen sind der Beweis, dass Werte wichtig sind, dass ihre Verteidigung aber viel mehr als Toleranz braucht. Sie braucht vielmehr die bewusst emotionale Kompetenz der Souveränität, um aktiv für eine Welt der Verständigung einzutreten. Sie schöpft ihre Kraft aus Wertschätzung, Wahrnehmung und Einfühlsamkeit. Der Schauplatz dafür ist überall. In der Koalitionsverhandlung, im Flur oder Besprechungsraum ihres Unternehmens, , am Telefon, in Preisverhandlungen, im Zusammentreffen mit dem Straßenbettler, im Streit mit den Nachbarn, in der eigenen Familie und last but not least – in der Auseinandersetzung mit mir selbst.

 

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